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Auf den Spuren der Marathonmönche – die Reise Deines Lebens

Mitternacht. Es ist stockdunkel auf dem Berg Hieizan. Ich laufe im Schein der Stirnlampe durch pechschwarze Wälder. Die Bäume sind so dicht, dass nicht einmal der Vollmond hindurch scheint. Hier sind sie entlang gelaufen. Bereits vor über 1000 Jahren! Heute nennt sie der Volksmund „Marathonmönche“. Denn sie laufen. Zwischen 30 und 100km täglich, in 100 Tage-Blöcken, über einen Zeitraum von 7 Jahren verteilt. 1000 Tage lang. Für einen Moment versuche ich mir vorzustellen, ich sei einer von ihnen. Ich trüge einen Anzug aus Hanf und einen langen, schmalen Hut aus Bambus. Und Strohsandalen. Und ich liefe über diese steilen, schwierigen, wurzeligen und steinigen Pfade. Ich sei um Mitternacht gestartet, in meinem Tempel. Und ich trüge nicht einen superhellen Scheinwerfer auf dem Kopf sondern eine einfache Laterne in der Hand. Unter mir die Lichter der ehemaligen Kaiserstadt. Kyoto.

Mit einer Sportveranstaltung hat das Laufprogramm der Mönche jedoch nichts zu tun. Es ist vielmehr eine lebensverändernde Aufgabe. In Japan hatte noch niemand das Wort Marathon je gehört, da praktizierten buddhistische Mönche hier bereits eine ganz spezielle Art der Meditation: „Kaihogyo“. Im Tendai-Buddhismus ist permanente Bewegung in der Natur und in den Bergen der Weg, der zur Erleuchtung führen soll. Das Training ist unerbittlich, das Pensum schwer vorstellbar, die Bedingungen kompromisslos: Hat ein Mönch erst einmal mit den 1000 Tagen begonnen, und die ersten 100 Tage hinter sich, so ist fortan kein Abbruch mehr gestattet. Der einzige Ausweg bei Nichterfüllung der vorgeschriebenen Strecke ist der rituelle Selbstmord. Um sich daran zu erinnern, daß dieser Tag sein letzter sein könnte, hüllt der Mönch sich in ein weisses Gewand – die Farbe Weiß ist im Buddhismus symbolisch für den Tod.

Da verwundert es nicht, dass seit dem Beginn dieser Praxis im neunten Jahrhundert nur knapp 50 dokumentierte Fälle von erfolgreich abgeschlossenen 1000 Tagen existieren…

Einen von denen, die es geschafft haben, traf ich vor einigen Jahren in seinem Tempel im Osten Japans. Als Sportler beeindruckte mich damals vor allem die körperliche Leistung. Als Europäer war ich fasziniert vom Konzept des reglementierten Selbstmordes als Mittel der Motivation.

Nach meinem halbtägigen Besuch verliess ich den Marathonmönch Shionuma mit einem vollkommen anderen Blick auf beides. Sich wegen etwas so banalem wie einem nicht beendeten Lauf durch den Wald, mit dem mitgeführten Messer umzubringen erscheint dem unbedarften Beobachter etwas extrem, ja übertrieben. Doch nicht Geringschätzung für das eigene Leben steckt dahinter – vielmehr ist es der Ausdruck der absoluten Entschlossenheit, seinem Leben einen Sinn zu geben. An dem Zustand der „Erleuchtung“ zu arbeiten, ist für einen Mönch eine Lebensaufgabe, insofern ist es nicht abwegig, eben jenes Leben auch vollkommen in die Waagschale zu werfen. Shionuma erklärte auch, daß er während der gesamten 1000 Tage niemals darüber nachgedacht hat, abzubrechen. Bei allen Schwierigkeiten, körperlichen Schmerzen, Halluzinationen, Zusammenbrüchen war er dennoch überzeugt davon, auf dem richtigen „Weg“ zu sein.

Heute wird der Absolvent eines „1000 Tage Kaihogyo“ in Japan als lebender Buddha verehrt. Was bringt es also, frage ich, seine Lebensaufgabe geschafft zu haben? Und – was kann danach noch kommen? Der Mönch unternimmt den schwierigen Versuch, einem Europäer zu erklären, was es bedeutet, „erleuchtet“ zu sein:

„Als Mönch ist es meine Aufgabe, den Menschen zu helfen, ihr Leben zu meistern. Dafür benötige ich Lebenserfahrung und Weisheit. Jedoch – wenn ich ein Leben gelebt habe, und diese Weisheit besitze, dann sterbe ich und kann niemandem mehr von Nutzen sein. Die 1000 Tage waren für mich wie eine Art Zeitreise, eine Art Beschleuniger. Ich erlebte in wenigen Jahren alle Zustände, die ein ganzes Leben beinhalten kann. Nun bin ich noch jung und kann in den mir verbleibenden Jahren der Menschheit zu Diensten sein.“

Oder, wie es der legendäre Sakai ausdrückte: „Lebe jeden Tag, als wäre er dein ganzes Leben.“ Sakai Yusai absolvierte die 1000 Tage zweimal.

Am letzten der 1000 Tage sagen die Marathonmönche: „Das war nur die Vorbereitung. Die wahre Aufgabe beginnt jetzt.“

Die Begegnung mit diesem aussergewöhnlichen Menschen war zunächst Anlass, auch seinen heiligen Berg zu besichtigen und in seinen Spuren zu besteigen. Und ist nun auch die Basis für ein garantiert einzigartiges und unvergessliches Seminar, besser: eine Reise durch Raum und Zeit. Wir folgen den Spuren eines Unbekannten, um uns selber kennenzulernen. Wir konfrontieren uns mit uns selbst im Schweisse der physischen Anstrengung, und das im Bewusstsein, einer jahrhundertealten, einzigartigen Tradition zu folgen.

Der Mönch lief 1000 Tage, um zur Erleuchtung zu gelangen. Wir nehmen uns 10 Tage Zeit, um uns selber zu finden.

Mehr über unsere spannende und lebensverändernde Reise nach Japan:

1000 Tage – Die Reise deines Lebens

 

Fantastische Wälder am Hieizan. Selbst ohne unbedingt zur Erleuchtung zu gelangen – ein Tag in dieser Umgebung reinigt Körper und Geist gleichermaßen.

Im Schatten des 848m hohen Gipfels des Hieizan stehen weiträumig verteilt die Gebäude des Tempels Enryaku-Ji. Er ist seit 1300 Jahren der Hauptsitz des Tendai-Buddhismus. Kurz vor Sonnenuntergang ist der Ort menschenleer. Nur der Sicherheitsdienst kommt noch vorbei und kontrolliert die Alarmanlage des Tempels.

Ein alter Friedhof am Westhang des Hieizan. Ein wahrhaft friedlicher Ort. Mitten im Wald, abseits der Busparkplätze, der vielbesuchten Tempel und der Souvenirläden… Moosbewachsene Steine, verstaubte Inschriften, längst vergessene Blumenvasen – hier ruhen Mönche, die vor langer Zeit den Berg ihre Heimat nannten.

Die Sonne scheint schräg durch die Bäume, kein Geräusch stört die Ruhe. Trotz der Gräber fehlt dem Ort das gruselige, einschüchternde Ambiente, daß wir so häufig mit Friedhöfen verbinden. Vielmehr lädt der kleine Grat abseits des Wanderweges ein zum Verweilen und zum Nachdenken.

Ein müheloser und absolut pittoresker Weg, den Gipfel des Hieizan zu erreichen sind der Cableway-Zug und die Seilbahn. Alle Ansagen der Zugführerin sind in piepsiger Stimme und natürlich auf japanisch. Doch als Europäer wird man freundlich empfangen, und das historische Gefährt ist den Besuch unbedingt wert.

Auch das ist Japan: Die Seilbahn wird mit einer tiefen und langen Verbeugung gen Gipfel verabschiedet. Die Gebäude hier haben eindeutig schon bessere Zeiten gesehen, und die beiden Taifune während meines Besuchs haben ihnen noch weiter zugesetzt. Doch fahren sie wie alle Verkehrsmittel in diesem Land pünktlich und verlässlich an ihr Ziel. Und unbestreitbar verleiht das Personal mit seiner unerschütterlichen Ruhe dem Ort eine gewisse Erhabenheit.

Auch das ist eine Art Pagode. Der Sorinto des Enryaku-Ji steht seelenruhig und einsam im dichten Wald.

Besser für Mönche in Strohsandalen: der teppichweiche Weg federt bei jedem Schritt.

Farbenfrohe Torii signalisieren die Passage der irdischen Wünsche der Menschen an ihre Gottheiten.

Die Erleuchtung liegt im Gegenlicht verborgen….

Transparenz und Finsternis liegen dicht beieinander an diesem Tag. Wie im Leben?

Der Fluß nimmt sich Zeit. Ich auch, denn wie ein Marathonmönch es formulieren würde: die Reise meines Lebens hat gerade erst begonnen.