Navigation Menu+

Wenn der Blick frei ist, ist das Ziel klarer zu sehen

Die Stewardess von All Nippon Airways flippt regelrecht aus. Ich dachte eigentlich, sie würde gelangweilt abwinken, als ich ihr anbot, aus dem Fenster der 777 zu schauen, in Richtung Süden, wo ich seit Minuten gebannt auf den Kegel starre, der sich am Horizont abzeichnet. Immerhin fliegt sie beruflich und kommt obendrein aus diesem Land. Aber nein, sie ist ganz aus dem Häuschen und ruft sogar die Kolleginnen. Das ist er – Mount Fuji begrüßt mich doch tatsächlich schon aus fast 700km Entfernung und aus 10 Kilometer Höhe! So klar habe ich den Vulkan nur selten aus der Ferne gesehen, und beide Male im Herbst oder Winter. Ich nehme das als gutes Zeichen fü meine Unternehmung – immerhin ist ein klarer Blick auf das Ziel hilfreich beim Erreichen desselben. Und das nicht nur metaphorisch.

Tokio im Vordergrund, Mt.Fuji am Horizont. So deutlich ist der Riese im Sommer nur selten zu sehen.

In Tokio angekommen trifft mich die Sommerhitze wie ein Hammerschlag. In Verbindung mit der sehr hohen Luftfeuchtigkeit ist es doch etwas vollkommen anderes als bei uns in Deutschland, wenngleich ich froh bin um unseren heissen Sommer dieses Jahr, sozusagen als Training. Ich bleibe noch einen Tag in Tokio, um den Jetlag auszuschlafen. Das tut diese Stadt ja nicht – schlafen. Obendrein ist es die nationale Ferienwoche, fast ganz Japan hat diese Woche frei, und die Strassen der Hauptstadt sind der reinste Ameisenhaufen.

Tokyo schläft nie so richtig, aber in dieser Woche scheint wirklich die ganze Stadt unterwegs zu sein.

Schon nach 12 Stunden in der Stadt bin ich eigentlich wieder reif, sie zu verlassen. Zu heiss, zu viele Leute. Zu wenig grün. Ich bin eigentlich gerne in Tokio, aber mit dem Vulkan im Kopf fühle ich mich ein bisschen am falschen Ort. Ich sehe stündlich auf einigen Webcams nach dem Wetter. Fuji ist oft in Wolken und Regen, mein anvisiertes Wochenende sieht auf den Wetterkarten jedoch gut aus. Geduld also, alles läuft nach Plan und nach fünf Jahren Warten ist es natürlich angemessen und eine Kleinigkeit, sich vor Ort noch drei Tage zu akklimatisieren…

Ein Shintoschrein in Shinjuku – Oase der Ruhe zwischen den Häuserschluchten

Dem Ziel ein Stück näher: Mein Zugticket zum Fuji ist da! Auch bei Japan Railways sprechen die ausnehmend höflichen Angestellten nur leidlich englisch, und ich nicht annähernd genug japanisch, um damit Zugfahrkarten zu kaufen. Aber wir haben es hinbekommen, nachdem wir zu Abschluss doch noch bemerkt haben, dass sie mich nicht nach Fujiyoshida mit dem Bahnhof „Fuji“ am Fuße des Mount Fuji zu schicken im Begriff war, sondern in eine Stadt namens „Fuji“ am Meer! Das wäre allerdings nichts geworden, da sie obendrein das falsche Datum eingegeben hatte…

„Einmal Mount Fuji bitte!“ Zwanzig Minuten und vielfaches Blättern im Kursbuch, im Computer und dem IPhone später händigte die freundliche junge Dame von Japan Railways mir mein Ticket nach Fujiyoshida aus.

Viele der Bergsteiger, die zum Fuji fahren, wollen den Sonnenaufgang sehen. Weil es ganz schön mühsam ist, die ganze Nacht aufzusteigen, um früh um 4 oben zu sein, übernachten sie in riesiger Zahl auf den vielen Berghütten. Dort starten sie dann zwischen 2500 und 3400m früh in der Nacht erneut, und müssen nur noch den oberen Teil des Weges zurücklegen. Wie groß diese Menschenmassen sein können, darüber gibt es beeindruckende Statistiken. Aber noch deutlichere Worte sprechen die Bilder der Webcam von Yamanakako heute morgen, die aus großer Entfernung und aus nordwestlicher Richtung den Berg zeigt:

Hochsaison! Sogar die entfernte Webcam zeigt das Lampengewusel am Berg zum Sonnenaufgang.

 

Wenn am Mittwoch schon so viel los ist, bin ich allerdings auf’s Wochenende gespannt!

Mittlerweile heisst es auch für mich – Akkus ein letztes Mal aufladen, denn in eineinhalb Tagen wird auch meine Lampe aus der Ferne sichtbar sein. Jedoch starte ich nicht nachts sondern morgens, meine erste Nacht am Fuji müsste ich meinem Plan nach am Gipfel beginnen, und auf der Rückseite absteigen. Werde ich meine zugegebenermaßen nur sehr grobe Zeitrechnung einhalten? Kann ich durch taktieren den größten Staus am Berg entgehen? Werde ich selber einen Sonnenauf- und einen Sonnenuntergang oben erleben?

Strom – das Elixier der modernen Fackeln.

Spannende Tage liegen jedenfalls vor mir. Der Blick ist klar, das Ziel in Sicht. In 24 Stunden stehe ich zum ersten Mal seit fünf Jahren vor meinem Startpunkt, dem Kanadorii in Fujiyoshida.