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Seiltanz der Generationen

Vor ein paar Tagen wurde ich von einem Sechsjährigen überholt. Ich war ebenso chancenlos wie der junge Bursche unerschrocken. Wie war dies möglich? Raste der rollende Rabauke mit einem Tretroller an mir vorbei? Trat der tollkühne Taugenichts mit voller Kraft in die Pedale eines aufgemotzten Bonanzarades?

Mitnichten! Wir befanden uns vielmehr in schwebender Höhe, etwa eineinhalb Meter über dem Waldboden. Das war umso bemerkenswerter, als der junge Akrobat noch nicht einmal 1,50 groß war. Ort des Geschehens war der Niederseilgarten, welchen wir bei unserem Lebensseminar in Tirol mit den Teilnehmern besuchen. Eine fantastische Anlage auf knapp 1200 Metern Höhe. Briliant in den Wald integriert gibt es hier einen ausgeklügelten Hindernisparcous, knapp über dem Boden, den man ohne Sicherungsausrüstung begehen kann. Gleichgewicht, Körpergefühl, und mitunter auch Mut können hier gefordert und geübt werden…

Ich befand mich also auf einer Holzplattform und zögerte beim Betreten des vor mir liegenden Hindernisses: ein vier Meter langer Holzbalken, gerade mal so breit wie eine Schuhsohle, Größe 43. Und ganz leicht angeschrägt. Der gesunde Menschenverstand gebietet also unweigerlich, innezuhalten und abzuwägen – ist das machbar, ist das Holz noch feucht vom Morgentau? Wie ist das Risiko zu stürzen… All diese Überlegungen, die uns Menschen am Leben erhalten – oder halten sie uns nicht manchesmal eher ab vom Leben, vom Erleben?

In dieser Phase der Unentschlossenheit also, holte mich der kleine Abenteurer ein und kroch souverän aus dem vorhergegangenen Seilparcours. Er nutzte gnadenlos meine Lage aus, setzte den ersten Fuß auf den Outdoor-Schwebebalken… und marschierte souverän, kleinen Schritt für kleinen Schritt, bis rüber zur anderen Seite. Von dort winkte er freundlich zurück und nahm als nächstes ein gigantisches Spinnennetz in Angriff. Diese unbeschwerte Sorglosigkeit der Kinder, durchfuhr es mich, haben wir Erwachsenen im Laufe der Jahre verloren. Zuviel Abwägen, Nachdenken, Taktieren…

Dafür ist so ein Besuch im Waldseilgarten nämlich Gold wert: mal wieder Kind sein. Krabbeln, kraxeln, auf allen Vieren gehen. „Angst“ haben, sich was trauen, lernen, dass man etwas kann, das man noch nie so gemacht hat. Und sich nichts dabei denken, wenn man mal ein Hindernis auslässt, weil man noch nicht soweit ist. Und dann noch eine Runde machen, und beim zweiten Mal sich mehr zutrauen…

Und natürlich: einem Sechsjährigen applaudieren, von dem man gerade überholt wird.