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Feierabend Ninjas – Von der beruhigenden Wirkung eines Schwertkampfes

Schritt, Fauch, Schlag. Das sausen der Luft, als der weisse Holzstab sie durchtrennt. Schritt, Fauch, Schlag.

Es muss ein befremdlicher Anblick sein für die Bewohner der in Sichtweite befindlichen Reihenhaussiedlung. Da scheuchen sich zwei mit Stöcken durch die Weinberge.

Es ist ein fast furchterregender Anblick für mich: die entschlossenen Augen, die vollständige Konzentration, der im Zwei-Sekundentakt auf mich niedersausende Holzstab. Zum Glück ist alles nur Training, und die Angreiferin stoppt den Schlag wenige Millimeter bevor er auf meinen zur Verteidigung erhobenen Stock krachen würde. Dann wechseln wir, und ich darf den Angreifer mimen.

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Noch vor wenigen Jahren war Kampfsport für mich eine Aktivität, welche von Sondereinsatzkommandos in Kasernen und von irgendwelchen Rüpeln in dunklen Großstadthinterhöfen betrieben wurde. Als Ausdauersportler habe ich mein Leben lang sportliche Aktivität mit der Fortbewegung über längere Strecken in Verbindung gebracht. Seit ich Anja kenne, lerne ich, dass man sich auch auf wenigen Quadratmetern so richtig fertig machen kann. Und das, ganz ohne jemals einen Treffer zu landen!

Meine Ausbildung zum Feierabend-Ninja ist ebenso inspirierend wie schweisstreibend. Wer hätte gedacht, dass es interessant ist, sich mit einem einfachen Holzstab so lange zu befassen. Unser Training geht allerdings weit über reine Kraft hinaus. Wir arbeiten an Konzentration, Fokussierung, Gleichgewicht, und Körperbeherrschung. Themen, die auch im Leben ausserhalb des Weinberges von Bedeutung sind. Unsere Übungen machen wir nach Möglichkeit täglich. Gemeinsam oder jeder von uns da, wo er eben gerade ist. Auf Berggipfeln, an Meeresstränden oder eben im Weinberg hinter dem Haus. Wenige einfache Utensilien verwandeln eine einfache Wiese zu einer Freiluftarena. Vermeintlich einfache Bewegungsabläufe aktivieren Muskeln, die selbst ich als Sportler so noch gar nicht kannte.

Gelernt habe ich auch, dass man in guter Stimmung und mit friedlicher Gesinnung zum Schwertkampf antreten kann, wo es nicht das Ziel ist, den „Gegner“ zu erlegen, sondern ihn und sich selber gleichermaßen zu fordern. Ohnehin wäre es ein ungleicher Kampf: die WM-Kämpferin würde den Feierabend-Ninja in einem Handgriff zu Boden strecken. Und immer wenn ich glaube, jetzt habe ich eine Bewegung einigermaßen verinnerlicht, zieht Trainerin Anja „Miyagi“ eine neue Übung aus dem Stirnband. Der Ninja-Anwärter lernt offenbar nie aus – wie im wahren Leben eben.