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Ich bin am Ziel. Der Weg beginnt jetzt.

Ein japanisches Sprichwort sagt: „Ein weiser Mann besteigt einmal im Leben den Fuji. Wer ihn jedoch zweimal besteigt, ist ein Dummkopf.“

Ich bin bei meinem vierten Aufstieg auf Japans höchsten und heiligen Berg… Was das über meinen Geisteszustand aussagt, weiss ich nicht – ich glaube, noch bedenklicher ist, dass ich zum vierten Mal innerhalb von 10 Tagen auf dem Weg nach oben bin.

Noch vor einer Stunde habe ich mir gewünscht, der feine Sand unter meinen Füßen möge doch bitte enden, und ich könnte auf festen Untergrund treten, welcher nicht bei jedem Schritt nachgibt, einsinkt, kraftraubend, jeden Schritt um ein Drittel seiner Länge beraubend…

Nun ist der Berg meinem Wunsch gefolgt und ich wuchte mich mit aller Kraft von Stein zu Fels, hohe Stufen wie in einem mittelalterlichen Schloß, nur unregelmässiger, scharfkantiger, bunter, vulkanisch eben. Einfacher als der tiefe schwarze Staub weiter unten ist das eigentlich nicht, aber es fliegt mir nicht ständig lästiges Gestein in die Schuhe.

Zeitweise war ich heute tatsächlich vollkommen allein. Folgte der Fußspur im schwarzen Schotter den Berg hinauf durch den dichten Nebel. Nebel, den man aus der Ferne als diesen berühmten Wolkenkranz sieht, welcher sich auf halber Höhe manchmal an den Vulkanflanken bildet. Für mich ist es eine knappe Stunde in schallschluckender, kühler Watte. Nur das Knirschen der Profilsohlen im Sand und der eigene Atem sind zu hören. Obgleich zur selben Zeit einige Tausend Menschen dabei sind, diesen Berg zu besteigen, höre und sehe ich keinen von ihnen…

Am Gipfel ist mit der Ruhe Schluss – hunderte Bergsteiger tummeln sich zwischen Shinto-Schrein, Vulkankrater, Getränkeautomaten, und dem Mt.Fuji-Postamt. Die Wolken haben für einen Moment den Berg verlassen, und ich blicke hinab auf die fluffige weisse Oberfläche, kilometerweit unter mir… Der meistbestiegene Berg Japans muss täglich in der nur wenige Monate währenden, schneefreien Sommersaison über 7000 Besucher verkraften! Alle zu Fuß, denn eine Seilbahn gibt es hier nicht. Derartige Pläne wurden zwar erwogen aber zum Glück verworfen.

Erschlossen ist der Berg dennoch nach Kräften – dutzende Hütten ermöglichen die Übernachtung und damit den Aufstieg in zwei Etappen. Und zwei der vier offiziellen Aufstiegsrouten sind per Bus erreichbar und bringen die Wanderer bis auf über 2000m. Diese müssen dann „nur noch“ um die 1300 Höhenmeter absolvieren, und das sorgt für den enormen Besucherstrom, und auch für massive Staus im letzten Drittel, wo die Wege noch steiler und schmaler werden als weiter unten…

Oder man besteigt den Fuji von der Basis, die liegt auf der Gotemba-Seite auf 1400m, und gegenüber in Fujiyoshida sogar unter 1000m… das sind dann lange Aufstiege, und für Stadtbewohner aus Tokio, die auf Seehöhe leben ist es womöglich besser, dass sie sich 5-6 Stunden Anmarsch durch den Urwald sparen können.

Wie dem auch sei – ich umrunde den Krater auf dem Ohachimeguri, dem 3km langen Rundweg. Und mache mich auf den staubigen Abstieg, fast zweieinhalbtausend Höhenmeter geht es auf nur 10 Kilometern hinab an die Baumgrenze Richtung Süden.

Noch während ich durch den knöcheltiefen Lavastaub nach unten stapfe, entsteht in mir die Idee – eigentlich müsste man mal alle vier Routen direkt hintereinander hoch und runter laufen, quasi den Fuji von allen Seiten besteigen. Das würde ganz schön anstrengend sein, ziemlich lange dauern, man müsste sicherlich gut in Form sein und auch für alle Wetter ausgestattet, und man wäre mindestens eine Nacht hindurch unterwegs…

Auf jeden Fall wäre es mal eine Überlegung, denke ich mir.

Und ein knappes Jahr später besuche ich den Marathonmönch Shionuma in seinem Tempel. Einen Mann, der 1000 Tage lang auf den Omine-san gelaufen ist, einen Berg im Süden Japans. Über 40 Kilometer und 16 Stunden täglich, bei jedem Wetter, immer vier Monate am Stück, ohne einen Tag auszulassen.

Das alles ist nun ein paar Jahre her.

Und es ist soweit. Vor drei Monaten fiel der Entschluss: in 100 Tagen fahre ich zum Mount Fuji und nehme mein Projekt „Fuji 360“ in Angriff. Seitdem trainiere ich eisern, meist schon vor Sonnenaufgang, laufe mit blutigen Füßen neue Schuhe ein, packe probe und studiere Wetterkarten und Webcams… Mein „100-Tage-Buch“ zählt rückwärts, auf japanisch, und dokumentiert meinen persönlichen Weg zu meinem persönlichen Berg. Der Weg beginnt jetzt.

 

 

Der Ohachimeguri. Einmal rund um den Krater.

Bereit zum Aufstieg.

Wenn er sich zeigt, ist der Mount Fuji immer eine Ehrfurcht gebietende Erscheinung.

Noch hüllt sich der Gipfel in eisigen Nebel.

Pechschwarze Lava auf der Südseite des Berges.

Gut markierte Wanderwege am Mount Fuji. Japan ist ein gut organisiertes Land – bis hinauf zum höchsten Punkt.

Bei fast jedem Aufstieg durchquert man eine Wolkendecke. Oder Regen. Oder beides.

Am Kraterrand auf über 3700 Metern. Im Hintergrund die Wetterstation auf dem höchsten Punkt, 3776m.

Aufstieg auf der Gotemba-Route, einer der längsten und deshalb vergleichsweise wenig begangen.